Wann ist eine professionelle Begleitung sinnvoll?

Selten kommen Menschen zu mir in die Praxis, in deren Leben alles rund läuft. Es bedarf einer gewissen Krisenhaftigkeit, damit Menschen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Die Situation könnte sich wie folgt darstellen:

Es funktioniert nicht mehr so in deinem Leben wie es sollte. Es gibt Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, in der Beziehung, unter Umständen auch in der Sexualität. Der Alltag wird als schwer und dunkel erlebt. Bestimmte Symptomatiken lassen dich den Arzt aufsuchen, die Untersuchungen ergeben keinen eindeutigen organischen Befund. Alle Lösungsversuche und einst so bewährten Strategien sind gescheitert und du weißt eigentlich nicht so recht, wie es weiter gehen soll. Du kommst dir vor wie auf einer Wanderung mit einem Kompass ohne Norden.

Auf unserem Weg als Mensch zwischen Geburt und Tod sind wir einigen Reifungsvorgängen- mitunter auch tiefen Lebenskrisen unterworfen. Spätestens in den Krisen unseres Lebens kommen die Grundfragen des Menschssein in unseren Erfahrungshorizont.

Woher komme ich?

 

 

Wohin gehe ich?

Was ist der Sinn meines Lebens?

 

Zunächst versuchen wir oft unseren Sinn über materielle Dinge zu defenieren:

"Mein BMW, mein Penthouse, mein Vorgartenzwerg- wir sind besessen vom persönlichen Erfolg. Haben wir keinen, fühlen wir uns schuldig und wertlos. Um dem zu entgehen, identifizieren wir uns unermüdlich mit unseren Beruf, Besitz und Status. Unsere Lebenskonzepte sollen uns Stabilität und Sicherheit verleihen. Aber das tun sie nicht. Sicher ist nur, dass wir alle sterben werden. Welche Rolle spielt es dann, welcher Designer unsere Anzüge entworfen hat und was für ein Auto am Ende als Schrott zum Würfel gepresst wird?" (1)

Gerade in diesen Zeiten ist es ein tiefes menschliches Bedürfnis im eigenen Schicksal einen tieferen Sinn zu erkennen.

Wunderschön hat auch Rose Ausländer dieses Grundthema im menschlichen Leben thematisiert. In ihrem Gedicht "Noch bist du da" schreibt sie: "wirf deine angst in die luft"

Es heißt, dass der Mensch alle sieben Jahren in eine solche Übergangsphase gelangt. Manchmal sind wir dann ganz aus unserer Bahn geworden, manchmal leiden wir nur an krisenbedingten Gleichgewichtsschwankungen. Es müssen nicht immer die ganz großen Schicksalsschläge sein, wie Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust des Partners oder gar der Tod eines uns lieben Menschen sein, die uns in einen Abgrund schicken. Mitunter hat uns eine Krise mit solcher Macht ergriffen, ohne dass wir wissen woher und warum.

In all diesen Krisen ist Begleitung durch eine mitfühlende Person sinnvoll. Professionelle Unterstützung sollten wir auch dann suchen, wenn die liebevolle Begleitung durch unser soziales Umfeld nicht mehr ausreicht oder nicht (mehr) vorhanden ist.

 

 

(1) Michael Feike: "We will die, Buddhismus für Lebenshungrige"

Arkaner Verlag